Yussuf Poulsen – der deutsche Däne

 

Yussuf Poulsen – der deutsche Däne

Als ich den dänischen Fußballer und Bundesligisten Yussuf Poulsen vor drei Jahren bei RB Leipzig beruflich kennenlernte, war er ein talentierter Drittligaspieler auf dem Weg nach oben. Ich war von Beginn an begeistert von seiner Art, er war immer bescheiden, höflich wirkte wie ein großer Junge. Ich konnte es nicht erwarten ihn zu unserem Interview in Dänemark wieder zu treffen. Der 22-jährige spielt für die dänische Nationalmannschaft und ich habe die Chance genutzt und ihn in Helsingor getroffen. Diesmal sollte es allerdings nicht, wie so oft vorher, um den Fußball gehen. Yussi ist von Kopenhagen nach Leipzig gegangen, um in Deutschland Fußball zu spielen. Mittlerweile ist er Stammspieler in der ersten Liga (RB Leipzig) und fühlt sich in Leipzig pudelwohl. Ich selbst lebe nun seit zwei Monaten in der Nähe von Poulsens Geburtsort Kopenhagen und begebe mich mit ihm auf eine deutsch-dänische Reise. Bei diesem Gespräch habe ich einen Erwachsenen Yussuf Poulsen kennengelernt. Er scheint es zu genießen über seine Heimat und Deutschland zu sprechen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu betrachten. Wenn er von Kopenhagen spricht leuchten seine Augen, der große Junge von damals ist dann wieder zu sehen und dennoch scheint er mittlerweile schon ein halber Deutscher zu sein. Seit diesem Interview weiß ich sicher, dass ich Fan von diesem coolen Dänen bin. 🙂

 

Du bist jetzt seit über drei Jahren in Deutschland. Fühlst du dich in Leipzig heimisch?

„Ich bin in Kopenhagen groß geworden und habe, außer die letzten drei Jahre, mein ganzes Leben da verbracht. Meine Familie und Freunde wohnen alle in Kopenhagen, deshalb ist diese Stadt noch immer mein Zuhause. Aber ich fühle mich sehr, sehr wohl in Leipzig und fühle mich fast wie ein Deutscher.“

Wie würdest du Leipzig und Kopenhagen vergleichen? Was ist ähnlich, was sind die größten Unterschiede?

„Ich finde die Innenstädte von Leipzig und Kopenhagen ähneln sich sehr. Leipzig ist zwar kleiner, aber auch die Kanäle in der Stadt erinnern mich an meine Heimat. Die Einkaufsstraßen sind ebenfalls wie in Kopenhagen, vom Stil der Klamotten her, ist Leipzig allerdings noch ein Stück hinterher. Ich shoppe nicht viel in Leipzig oder Deutschland (lacht).“

Was wusstest du über Deutschland, als die Anfrage von Leipzig kam? Worüber hast du dir Gedanken gemacht?

„Ich hatte Deutsch drei Jahre in der Grundschule und zwei Jahre während des Abiturs. Deshalb habe ich auch einiges über Deutschland gewusst, über Leipzig allerdings gar nichts. Ein halbes Jahr vor meinem Wechsel war ich zu Besuch und habe mir die Stadt angeschaut. Davor hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet.“

Hat dein Schuldeutsch gereicht, um dich zu verständigen?

„Deutsch war leider nicht mein bestes Fach in der Schule (lacht). Obwohl ich eigentlich allgemein sehr gut war, in der Schule. Auf dem Gymnasium habe ich durch den Sport und das Training leider einige Stunden verpasst. Ich war nicht auf einem Sportgymnasium. Die Schule hat dennoch mit Lyngby (sein damaliger Verein a.d.R) zusammengearbeitet. Ich habe dann aber eben für das Training frei bekommen, während die anderen trotzdem ihre Stunden hatten. Bei den deutschen Stunden habe ich dann leider oft gefehlt. Ich habe deshalb in der Anfangszeit zwar ein bisschen was verstanden, konnte aber keine ganzen Sätze sprechen.“

Mittlerweile ist dein Deutsch sehr gut, wie kommt das?

„Durch die Schule waren die Grundlagen gelegt, dadurch lernt man natürlich schneller. Dann habe ich zusammen mit Joshua Kimmich (spielt heute beim FC Bayern München a.d.R) in einer WG gewohnt und wir haben Deutsch miteinander gesprochen. Das hilft natürlich auch. Viele Ausländer haben Freunde und Familie dabei und sprechen ihre Muttersprache. Für mich war es gut, dass ich Deutsch lernen musste. Als ich nach Leipzig gekommen bin, gab es nur noch einen anderen Ausländer. Deshalb hat kaum jemand Englisch gesprochen und ich musste Deutsch lernen. Ich bin beim Lernen auch wirklich ehrgeizig.“

Musst du beim Reden noch über die deutschen Worte nachdenken?

„Nicht mehr. Das hat lange gedauert. Ich glaube mindestens zwei Jahre. Davor habe ich mir meine Antworten für Journalisten auf Dänisch gedacht und dann ins Deutsche übersetzt. Aber jetzt spreche ich einfach.“

An was kannst du dich bis heute in Deutschland nicht gewöhnen?

„Das ich „Sie“ sagen muss. Das ist für mich richtig schwer, weil man in Dänemark alle duzt. Die einzige Ausnahme ist die Königin. Es ist sehr schwer sich umzugewöhnen. Das hat mir am Anfang niemand gesagt. Als ich mich das erste Mal mit Ralf Rangnick getroffen habe (der Sportdirektor von RB Leipzig a.d.R), habe ich einfach Ralf zu ihm gesagt. Alle haben mich angeschaut und keiner hat etwas gesagt. Erst nach einer Weile hat mich Joshua Kimmich angesprochen und gefragt: Wie kannst du eigentlich Ralf zu ihm sagen? (lacht) Ich versuche es mir auch wirklich abzugewöhnen, aber wenn ich schnell spreche, passiert es immer noch.“

Bei was könnte Deutschland oder Leipzig noch nachrüsten?

„Fahrradwege! In Dänemark gibt es keinen Weg, der keinen Fahrradweg hat. In Deutschland gibt es kaum ordentliche Fahrradwege und man darf diese in beide Richtungen benutzen, in Dänemark gibt es für jede Straßenseite einen eigenen Fahrradweg. Meine Freundin findet das richtig schlimm, sie hatte fast einen schweren Unfall. Sie war es nur gewöhnt nach links zu schauen. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert aber da hat Deutschland Nachholbedarf.“

Glaubst du, du hättest Dänemark jemals verlassen, wenn du kein Fußballer geworden wärst?

„Das weiß ich nicht sicher aber ich glaube nicht. Ich weiß nicht, was dann heute meine Arbeit wäre, sicher hätte ich studiert. Also wäre ich jetzt bestimmt noch in Dänemark. Aber vielleicht wäre ich irgendwann auch für die Arbeit eine Zeit ins Ausland gegangen. Ich wollte aber immer Fußballer werden, habe mich mit dem Abitur dennoch abgesichert.“

Warum ist es für Deutsche so schwer dänisch zu lernen?

„Das größte Problem ist der Akzent. Gerade in Kopenhagen kappen viele die Wörter. Dann wird einfach das Ende des Wortes nicht gesprochen. Ich glaube Dänisch ist einfach allgemein schwer. Ich habe mal gelesen, dass es die fünft schwerste Sprache zum Lernen ist. Wenn ich lange kein Dänisch höre und dann wieder in Dänemark bin, denke ich oft, wie schlimm sich diese Sprache eigentlich anhört.“ (lacht)

Alle sprechen immer von „hygge“, ist das ein Wort der „alten Generation“ oder auch für dich eine Lebenseinstellung?

„Hygge ist die Lebenseinstellung der Dänen und auch für junge Leute wichtig. Es ist ein Wort, was man schwer beschreiben kann. Man kann es auch nicht in eine andere Sprache übersetzen. Für mich ist Weihnachten hygge. Mit seiner Familie und den Kumpels chillen. Alles, was sich gut anfühlt ist hygge.“

Die Dänen kommen mir besonders freundlich und nett vor, empfindest du die Deutschen als mürrisch?

„Mir ist nichts Negatives aufgefallen aber die Deutschen sind nicht so offen, wie es die dänischen Menschen sind. Als ich neu im Team war, sind noch 4 weitere Spieler zu RB gewechselt. Die Spieler die Deutsch gesprochen haben, sind einfacher in das Team reingekommen. Da mussten die „alten“ Spieler nicht so über ihre eigenen Grenzen gehen, um einen Dialog zu haben. Sie waren etwas schüchtern, weil sie Englisch sprechen mussten. In Dänemark sind die Leute sehr offen, gehen auf die Menschen zu und helfen gern. So intensiv habe ich das in Deutschland nicht erlebt. Das ist einfach eine Frage der Mentalität und es kann nicht jeder gleich sein.“

Wann ist dein Heimweh nach Dänemark am größten? Verspürst du es überhaupt?

„Ich habe eigentlich kein Heimweh mehr. Im ersten Jahr war es schwerer, ich wollte meine Kumpels wiederhaben. Da war ich auch noch mehr allein. Ich bin damals noch sehr oft nach Dänemark geflogen, selbst wenn es nur für 24 Stunden war. Das mache ich jetzt nicht mehr. Jetzt ist mein Zuhause in Leipzig. Wenn man sechs Stunden am Tag miteinander arbeitet und sich auch privat trifft, findet man auch im Team Kumpels. Meine besten Freunde wohnen noch immer in Kopenhagen, kommen mich auch oft besuchen. Wenn man sich wohl fühlt ist es kein Problem, wenn die Familie und Freunde wo anders leben.“

Deine Freundin ist wieder eine Dänin, kannst du deutsche Frauen nicht leiden?

„Nicht so ganz (lacht). Meine jetzige Freundin kenne ich schon aus der Grundschule. Ich war damals schon sehr in sie verliebt, sie aber nicht in mich. Wir waren immer sehr gut befreundet. Irgendwann waren wir zum gleichen Zeitpunkt Single und dann hat es einfach gepasst. Sie lebt jetzt auch bei mir in Leipzig.“

Wie verbringen die Dänen die Weihnachtszeit?

„Ich glaube unser Weihnachtsfest, ist dem deutschen Weihnachten sehr ähnlich. Wir haben einen Tannenbaum und essen zum Beispiel Gans. Wir essen zusammen, tanzen um den Baum und öffnen die Geschenke.“

In Deutschland wird extrem viel Wert auf Autos gelegt, in Dänemark sind diese kaum bezahlbar. Wie wichtig sind dir Luxusschlitten?

„Ich muss keine drei Autos in der Garage haben. Ich habe ein Auto für mich und eins für meine Freundin. Es ist für mich Luxus, dass ich zwei Autos haben kann. In Deutschland kosten die Autos ein Drittel. Das ist Wahnsinn, was man in Deutschland für ein Auto kriegen könnte für das gleiche Geld, was du in Dänemark für einen Fiat Punto bezahlst.“

Du hast ein eigenes Café in Kopenhagen, wie kam es dazu?

„Es war eigentlich ein Zufall. Ein Bekannter von mir und mein bester Kumpel hatten die Idee ein Café zu eröffnen. Daraufhin haben sie mich gefragt, ob ich investieren möchte. Dann haben wir die Details besprochen und jetzt bin ich Teilhaber. Was im Alltag entschieden wird, darauf habe ich keinen Einfluss. Würde ich in Dänemark wohnen, wäre ich wahrscheinlich näher dran. Mittlerweile überlegen wir, ob wir noch ein Café eröffnen.“

Alexander Zorniger, dein alter RB Leipzig Coach, trainiert in Dänemark Brondby IF, wie beobachtest du die Entwicklung? Warum ist er eine Herausforderung für die Spieler von BIF?

„Das ist wieder eine Mentalitätsfrage. Ich weiß noch wie es war, als ich nach Leipzig gegangen bin, wie wir da trainiert haben und wie ich in Dänemark trainiert habe. Es war einfach 1000 Mal härter in Deutschland. Wir hatten plötzlich viel mehr Einheiten und ich muss viel mehr laufen. Das System, welches Alexander Zorniger spielt, ist hart, man muss viel laufen können. Mir war klar, dass das für die Brondby-Spieler, die vorher auf Ballbesitz gespielt haben, hart werden wird. Ich weiß noch wie mein guter Kumpel Christian Nörgaard, der Sechser von Brondby IF, nach den ersten fünf Einheiten zu meiner Geburtstagsparty gekommen ist. Er stand in der Tür und hat gerufen: ´Wo ist ein Stuhl, bringt mir einen Stuhl. Warum hast du mir nicht gesagt, dass es so hart wird?´ Ich hatte es ihm aber gesagt (lacht).

Die Entwicklung ist aber wirklich super. Wenn man gesehen hat, wie Brondby letztes Jahr gespielt hat und jetzt, sie sind erfolgreicher und der Fußball ist attraktiver. Viele Menschen wollen die Spiele sehen. Sie kommen langsam dahin zurück, wo sie vor vielen Jahren schon waren. Sie waren der Topverein in Dänemark und viele Fußballfans wünschen sich diese Zeit zurück. Als ich Kind war, konnten nur der FC Kopenhagen oder Brondy IF die Meisterschaft gewinnen. Alle in Dänemark wünschen sich, dass es wieder so wird, dass der FCK nicht einfach jedes Jahr durchmarschiert.“

Du spielst in der deutschen ersten Liga und für die dänische Nationalmannschaft, welche sportlichen Träume hast du noch?

„Mit der Nationalmannschaft würde ich gern zu einer Endrunde. Das habe ich als Nationalspieler noch nicht erlebt. In Leipzig möchte ich erst einmal ein „richtiger“ Erstligaspieler werden. Das ist ja meine erste Saison und dann ist man noch kein richtiger Erstligaspieler. Ich möchte also mehr Spiele absolvieren, so viele wie möglich.“

Wie realistisch ist es, dass du deine Erstligaspiele noch sehr lang in Leipzig absolvierst?

„Da wir jetzt in der ersten Liga sind, gibt es für mich keine Überlegung irgendwo anderes in der ersten deutschen Liga zu spielen. Ich fühle mich wohl in Leipzig, bin mit dem Verein mehrmals aufgestiegen und habe ein super Standing. Deshalb gibt es eigentlich keinen Grund wo anderes hin zu wechseln. Es kann sein, dass man sich als Spieler irgendwann mehr entwickelt, als der Verein, wenn das passiert, dann kann ein Wechsel möglich sein.“

Wie sehr reizt dich eine andere Liga im Ausland?

„Darüber habe ich auch schon viel nachgedacht, allerdings als ich jünger war. In der letzten Zeit habe ich mir darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Wenn überhaupt kommt das wahrscheinlich erst in mehreren Jahren.“

Was war/ist deine Lieblingsmannschaft? Würdest du dort gern spielen?

„Als ich klein war, war ich Barcelona Fan. Da würde ich allerdings nie hin wechseln, glaube ich. Das passt gar nicht zu meinem Fußballtyp. Da muss man auch zu sich selber ehrlich sein und wissen, was man kann und was nicht. Ich kann nicht in Barcelona spielen, werde ich vielleicht auch nie können. Deshalb ist es auch kein Traum dahin zu wechseln. Als Kind gab es nur die dänische oder englische Liga, das war das Einzige, was man im TV anschauen konnte. Deshalb war es für mich, als Kind, das Größte was man erreichen kann, in der Premiere League zu spielen.“

Willst du nach deiner Karriere zurück nach Dänemark, um da zu leben?

„Ich habe gerade mit meiner Freundin darüber gesprochen. Ich möchte das auf jeden Fall gern, weil meine engsten Freunde und Familie alle in Dänemark sind. Ich finde Kopenhagen ist eine der schönsten Städte der Welt. Deshalb würde ich gern zurückkommen. Allerdings gibt es dann vielleicht schon Kinder und dann muss man seine eigenen Interessen hintenanstellen. Man weiß nie was passiert aber wenn es möglich ist, würde ich gern in Dänemark leben.“

8 Gedanken zu „Yussuf Poulsen – der deutsche Däne

  • November 21, 2016 um 10:17 am
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    Hallo Kristina, ich finde dein Interview – von einigen Kommata abgesehen – sehr gelungen (doch so sind wohl die Deutschen halt, ständig nach Fehlern zu suchen). Deine Zeilen haben mir schließlich den Menschen Poulsen näher gebracht. Ich hatte ihn jedenfalls als Elfmeter schindenden, ständig lamentierenden Spieler im falschen Trikot in Erinnerung. Allerdings wird meine Einstellung zu dem Dress, trotz deines tollen Textes, wohl bleiben. Sportliche Grüße nach Kopenhagen!

    Antworten
    • November 21, 2016 um 10:20 am
      Permalink

      Hey Lutz, vielen Dank. Die Kommadiskussion läuft immer hervorragend 🙂 Ich arbeite daran 😉
      Yussuf ist ein toller Typ, egal in welchem Trikot! LG nach Leiptsch

      Antworten
  • Pingback: Presse 21.11.2016 | rotebrauseblogger

  • November 21, 2016 um 2:40 pm
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    Habe via rotebrauseblogger hierher gefunden. War nett zu lesen, Dankeschön!

    Antworten
  • November 21, 2016 um 5:21 pm
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    Ein schöner Artikel über einen sehr talentierten und sympathischen Sportler! Vielen Dank

    Antworten
  • Pingback: Yussuf Poulsen: „Ich kann nicht beim FC Barcelona spielen“

  • November 22, 2016 um 6:31 pm
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    Wunderschön!
    Ein sehr gelungenes Interview mit einem tollen Menschen! Ein schöner “Einblick” ins wundervolle Kopenhagen und in ein fantastisches Land 🇩🇰
    Hoffentlich hat Yussi noch meinen Dänemark Schal 😊🇩🇰
    Kristina, weiter so!!!!

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